Friday 19. July 2019

Interview mit Univ.Prof. Dr. Cornelia Helfferich

Eine Studie zu den Motiven für oder gegen Schwangerschaftsabbrüche ist aus mehreren Gründen wichtig, meint Univ.Prof. Dr.  Cornelia Helfferich. Lesen Sie hier, warum die deutsche Sozialwissenschaftlerin eine differenzierte Studie zum Schwangerschaftskonflikt für gesellschaftlich besonders relevant hält und was ihr beim Studiendesign besonders wichtig ist.

 

Unsere Frage: Warum ist es wichtig, die Motive für Schwangerschaftsabbrüche wissenschaftlich zu erforschen?

 

Prof. Helfferich antwortet:

 

Grund 1: Es ist ein gesellschaftlich sehr relevantes Thema – und es gibt in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre keine Untersuchungen dazu.

Es gibt einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass Schwangerschaftsabbrüche reduziert werden sollen. Es gibt ebenso einen breiten Konsens, dass Sexualität etwas Positives, Lebensbejahendes ist und Verhütung ein unverzichtbarer Aspekt der Gestaltung sexueller Beziehungen ist. Weil Verhütung immer auch versagen kann, werden ungewollte Schwangerschaften immer auch vorkommen und ein Teil dieser Schwangerschaften wird abgebrochen. Schwangerschaftsabbrüche lassen sich nicht mit gesetzlichen Verboten reduzieren. Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen wollen, finden einen Weg, dies zu tun – und sei es unter Gefährdung des eigenen Lebens. Ein gesetzliches Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen wäre heute nicht durchsetzbar und wäre wegen einer erneuten Tabuisierung des Themas auch kontraproduktiv. Ein besserer Weg ist die Verbesserung von Verhütung und die Ermöglichung eines guten Lebens mit Kindern im Einklang mit den Lebensperspektiven von Frauen und Männern.

 

Grund 2: Schwangerschaften, die verfrüht oder ungewollt eintreten, sind vergleichsweise häufig.

Die Studie „frauen leben 3“ zeigte: Nicht auf den Zeitpunkt hin gewollte Schwangerschaften machen etwa ein Drittel aller eingetretenen Schwangerschaften aus. Davon ist etwas weniger als die Hälfte verfrüht („gewollt, aber später“) oder „unentschieden“ eingetreten und etwas mehr als die Hälfte „ungewollt“. Etwa jede zweite ungewollte Schwangerschaft wurde ausgetragen.

 

Grund 3 für eine differenzierte Studie:

Schwangerschaftsabbrüche wissenschaftlich zu untersuchen, ist eine besondere Herausforderung. Jeder Schwangerschaftsabbruch hat eine „Geschichte“ – die Frau hatte eine Beziehung zu einem Mann, mit dem sie Geschlechtsverkehr hatte, sie war gerade zu diesem Zeitpunkt empfängnisbereit, die Verhütung hatte versagt oder wurde unzureichend gehandhabt, eine ungewollte Schwangerschaft trat ein. Dann fiel die Entscheidung dafür, die Schwangerschaft abzubrechen – eine Entscheidung, die von der Vorgeschichte und der Lebenssituation beeinflusst ist.

1)      Man muss diese „Geschichte“ erforschen, weil sich hier unterschiedliche Ansatzpunkte für eine Prävention von Schwangerschaftsabbrüchen ergeben.

 

Die Forschung (wie die Studie „frauen leben 3“) muss Teilfragen beantworten – entsprechend breit angelegt sein

  • -          zur gelebten Partnerschaft, zum Partner, und zur Rolle der Idealvorstellungen von Partnerschaft als Voraussetzung dafür, Kinder zu haben, zu dem Zeitpunkt als die ungewollte Schwangerschaft eintrat,
  • -          zur Verhütung und zu den Schwierigkeiten, über viele Jahre des Lebens hinweg immer sorgfältig und sicher zu verhüten, auch zur Zugänglichkeit von Verhütung,
  • -          zu den Entscheidungsprozessen bei der Frau, dem Mann, im Paar und zu den Entscheidungsgründen für einen Abbruch, dann, wenn eine ungewollte Schwangerschaft eingetreten ist,
  • -          und damit zu den Hintergründen der Einschätzungen, ob ein Leben mit einem Kind möglich ist oder nicht.
  • -          Dieselben Fragen sind bezogen auf die „Vorgeschichte“ bei dem Mann zu stellen (auch bezogen auf seine Rolle bei der Verhütung).

 

2)      Wissen über Schwangerschaftsabbruch setzt Wissen darüber voraus, wann und wie ungewollte Schwangerschaften eintreten, denn gewollte Schwangerschaften werden nur in wenigen, besonderen Fällen abgebrochen. Wissen über Schwangerschaftsabbrüche verlangt komplementär eine Betrachtung der Gründe, warum eine ungewollte Schwangerschaft ausgetragen wird und welche Folgen dies für die Frau hatte. Das Forschungsansatz muss entsprechen breit angelegt sein und gewollte und nicht gewollte, ausgetragene und abgebrochene Schwangerschaften vergleichen.

 

3)      Die Forschung muss differenzieren können: Schwangerschaftsabbrüche haben ganz unterschiedliche „Geschichten“, die sich nicht vergleichen lassen. Ebenso sind Frauen, die Schwangerschaften abbrechen, sehr unterschiedlich z.B. bezogen auf das Alter, die Partnerschaftssituation und Familienphase, Religionszugehörigkeit, Bildung oder Einkommen zu dem Zeitpunkt, als die ungewollte Schwangerschaft eintrat. Es gibt nicht „die“ Frau, die eine Schwangerschaft abbricht. Auch ist sehr unterschiedlich, wie konflikthaft oder klar die Entscheidung für oder gegen das Austragen einer Schwangerschaft fällt.
Umgekehrt unterscheiden sich Frauen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, in einigen Aspekten statistisch nicht von denen, die keine Schwangerschaft abgebrochen haben. Das verwundert nicht: Ein Teil der Frauen, die keine Schwangerschaft abgebrochen hatten, sind vielleicht einfach nicht in die Situation gekommen, ungewollt schwanger zu werden und sie würden eine Schwangerschaft in einer entsprechenden Situation möglicherweise abbrechen.
Es lassen sich aber Lebensentwürfe und –verläufe, Lebensphasen und Lebenssituationen identifizieren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine eingetretene Schwangerschaft ungewollt war und abgebrochen wurde.

 

4)      Die Forschung muss einen Rückbezug auf gesellschaftliche Bedingungen leisten und die subjektive Perspektive der Frauen einbeziehen: In der Frage der ungewollten Schwangerschaften und der Schwierigkeiten, dauerhaft sicher zu verhüten, spiegeln sich die gesellschaftlichen Schwierigkeiten des Lebens mit Kindern und entsprechend auch die Schwierigkeiten, z.B. den „richtigen“ Zeitpunkt im Leben für Kinder zu finden. Die aktuellen Lebensbedingungen, aber vor allem aber auch die Zukunftsperspektiven mit und ohne ein (weiteres) Kind sind einzubeziehen. Das unterscheidet sich aber in Deutschland z.B. nach Bundesländern – und vermutlich auch im Vergleich europäischer Länder. Wenn konkrete Befürchtungen, mit einem Kind das weitere Leben nicht meistern zu können, Grund für einen Schwangerschaftsabbruch sind, lassen sich hier gesellschaftspolitische Schlussfolgerungen für eine Verbesserung der Möglichkeiten für Kinder ziehen.

 

Die Studie „frauen leben 3“ kann Aussagen zu diesen Teilfragen machen, ohne sie unzulässig zu vereinfachen. Sie bettet die Fragen von ungewollten und gewollten Schwangerschaften in die Lebensphasen ein – als Teilaspekt der Familienplanung im Lebenslauf. Sie thematisiert die Schwierigkeiten, sicher zu verhüten, das Eintreten von Schwangerschaften unter Verhütung sowie den Kinderwunsch und seine Realisierung im Lebenslauf. Sie bestimmt statistisch Einflussfaktoren auf das Eintreten ungewollter Schwangerschaften und einen Schwangerschaftsabbruch und identifiziert Lebenssituationen, in denen Frauen nicht schwanger werden wollen und eine Schwangerschaft eher abbrechen als austragen. Und sie kann mit den qualitativen Interviews die subjektive Perspektive von Frauen abbilden, ihr Verständnis von „ungewollten“ Schwangerschaften und ihre Gründe für einen Abbruch oder die Akzeptanz eines Kindes, die in der aktuellen Situation und in den Zukunftsperspektiven liegen.

 

Ein Beispiel dafür, wie Ergebnisse zu Prävention führen könnten: In der Ausbildungsphase werden Frauen selten gewollt schwanger. Die Schwangerschaften, die eintreten, sind meist ungewollt und ein Teil davon wird abgebrochen. Offensichtlich reichen die bisherigen Maßnahmen „familienfreundlicher Hochschulen“ und die Ermöglichung von „Teilzeitberufsausbildungen“ nicht aus, denn gleichzeitig gibt es eine ungeschriebene, deutlich wirksame Regel: Eine Familie wird erst gegründet, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, sonst kann man die Sorge für das gute Aufwachsen von Kindern nicht verantworten. Junge Frauen fürchten z.B., ihre Ausbildung nicht beenden zu können und/oder im Anschluss an die Ausbildung Nachteile auf der Suche nach einem Arbeitsplatz zu haben, was sich direkt auch auf die Lebenschancen möglicher Kinder auswirkt.

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