Sunday 15. December 2019

Interview mit Univ.Prof. Dr. Giovanni Maio

Dr. Giovanni Maio, Professor am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg, spricht sich klar für das Sprechen über das Thema Abtreibung aus. Er argumentiert, warum er dies für sinnvoll hält und warum er sich mehr Solidarität der Gesellschaft wünscht. Abtreibung solle weder tabuisiert noch bagatellisiert werden.

 

Warum sind Schwangerschaftsabbrüche so wenig Thema?

 

Giovanni Maio: „Weil die Entscheidung zur Abtreibung privatisiert worden ist. Sie gilt nicht mehr als eine politisch aufgeladene, sondern allein als Entscheidung des Einzelnen. In unserer individualisierten Gesellschaft wird es dem Einzelnen überlassen zu entscheiden. Damit wird ihm letztlich aber auch die Bürde aufgelegt, über Leben und Tod zu entscheiden, was er selbst verantworten muss. Gleichzeitig wird erwartet, dass jeder sein Leben vollkommen im Griff hat. Aus dem Fokus geraten die Frauen, die damit hadern und darum trauern, abgetrieben zu haben. Denn sie würden als Versager in Erscheinung treten, weil sie eine für sich falsche Entscheidung getroffen haben. Heute erwartet man, dass der Mensch erfolgreich ist und alles richtig managt. Das gilt auch für die Entscheidung einer Abtreibung."

 

Warum wäre es wichtig, über Schwangerschaftsabbrüche zu reden?

 

Giovanni Maio: „Das wäre sehr wichtig, damit die Frauen, die in Not sind, nicht einfach alleingelassen werden. Ungewollt schwangere Frauen brauchen Unterstützung, sie brauchen Beratung, sie brauchen Ansprechpartner, die ihnen helfen, eine Entscheidung zu fällen, die ein Leben lang trägt. In der Medizin sind diese Frauen mehr oder weniger verloren. Oft haben Mediziner ein eigenes Interesse daran, dass abgetrieben wird, damit es keine Regress-Forderungen gibt oder damit man von der Frau nicht belangt werden kann, weil die Behinderung des Kinds gravierender ist als vom Arzt diagnostiziert. Oft schlagen die Ärzte schon bei unklaren Befunden eine Abtreibung quasi als Normalfall vor, ohne dass die Frauen hinlänglich darüber aufgeklärt werden, was dieser Schritt für sie bedeuten kann. Im Grunde handelt es sich um eine Bagatellisierung der Abtreibung, die auf Kosten der Frauen geht."

 

Was ist Ihnen in dem Zusammenhang noch wichtig?

 

Giovanni Maio: „Der soziale Druck auf die Eltern und vor allem auf die Frauen, nur gesunde Kinder auf die Welt zu bringen, hat im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren enorm zugenommen. Das erklärt auch die Bereitschaft, lieber abzutreiben, als in der Gesellschaft als Versager dazustehen. Das Problem ist die Gesellschaft, die ein solches Bild von perfektem Leben überhaupt skizziert und die soziale Erwartung schafft, dass Schwangere nur gesunde Kinder auf die Welt zu bringen haben. Es wird so getan als sei das Kind mit Behinderungen ein Übel oder ein Fehler im Reproduktionsmanagement. Dadurch geraten viele Paare in Zugzwang, selbst wenn sie selbst eine solche Einstellung gar nicht verinnerlicht haben, aber sie denken, sie müssten der sozialen Erwartung genüge tun. Die Abtreibung ist oft das Resultat der Erwartungshaltung der Gesellschaft. Daher müssen die sozialen Verhältnisse so werden, dass sie allen werdenden Müttern Mut machen. Wenn man die Abtreibung, wie das heute geschieht, zwar rechtlich ermöglicht aber sozial tabuisiert, dann sind die Schwangeren die Leidtragenden, weil sie alle Last zu tragen haben, ohne dass sie auf die Solidarität der Gesellschaft vertrauen können. Das muss sich unbedingt ändern."

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